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Ostjüdische Betstübel (Betstube) | 144

Mehrzweckgebäude 3. Mai 2026

Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde Mannheim zu einem Zufluchtsort für jüdische Emigranten aus dem Zarenreich und Galizien, die auf der Suche nach einer sichereren Perspektive ihre Heimat verließen. Während einige Anschluss an die großen Synagogen der Stadt fanden, bewahrten sich viele ihre tief verwurzelten religiösen Bräuche in sogenannten „Betstübeln“. Diese kleinen Gebetsräume waren bekannt für die leidenschaftliche und spirituelle Atmosphäre ihrer chassidischen Gottesdienste.

Eine blühende Vereinslandschaft

Um die Gemeinschaft zu stärken, gründeten die Zuwanderer verschiedene Organisationen, die im Mannheimer Vereinsregister dokumentiert sind:

  • 1907: Gründung von „Ahawas Schulem“ (Friedensliebe).
  • 1912: Entstehung des „Sfard-Vereins Schomre Schabbos“ (Hüter des Schabbats).
  • 1919: Formierung der „Vereinigung der Ostjuden in Mannheim“.

Diese Vereine belebten verschiedene Standorte in den Mannheimer Quadraten. So unterhielt „Ahawas Schulem“ zunächst ein Betstübel in F 3, 13a, das später vom Verein „Linas Hazedeck“ übernommen wurde. 1920 erwarb die Vereinigung der Ostjuden ein Gebäude in F 7, 16, wo 1929 unter großer Anteilnahme der Gemeinde feierliche Toraweihen stattfanden. Ein weiteres Zentrum entstand 1923 in F 7, 11.

Gelebte Frömmigkeit und Gemeinschaft

Besonders lebendig ging es in den Räumen von „Schomre Schabbos“ zu, die sich zunächst in G 7, 30 und ab 1932 im Hinterhaus von F 3, 13 befanden. Die dortigen Gottesdienste, geleitet von den Vorbetern Aronsfrau und Kanner, übten eine große Anziehungskraft aus.

Einprägsam waren vor allem die Feierlichkeiten zu Simchat Tora, bei denen Kinder angelockt wurden, um die traditionellen Tänze zu bestaunen und Süßigkeiten zu erhalten. Auch die Schabbatnachmittage waren geprägt von Gemeinschaft: Bei Heringsessen, einem Glas Wodka, religiösen Liedern und gelehrten Diskussionen wurde die Tradition lebendig gehalten. Zudem wird berichtet, dass ungarische Juden ein eigenes Betstübel im Quadrat U 1 betrieben.

Das Ende einer Ära

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 endete diese kulturelle Blüte abrupt. Die ostjüdische Bevölkerung war als erste Zielscheibe dem Hass ausgesetzt; auf staatlichen Druck mussten sich ihre Vereine bereits um die Jahreswende 1933/34 auflösen.

Der endgültige, gewaltsame Bruch erfolgte am 10. November 1938. In einem Akt brutaler Zerstörung wurden die verbliebenen privaten Betstübel zerschlagen. Im Hinterhof von F 3, 13 verbrannten die Nationalsozialisten öffentlich die Inneneinrichtung und die heiligen Torarollen, womit das sichtbare ostjüdische Leben in Mannheim vernichtet wurde.

Quellen

Keller, Volker: Jüdisches Leben in Mannheim, Mannheim 1995

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