Herz Jesu | 805

Kirchen 5. Mai 2026

Die Entstehungsgeschichte der Herz-Jesu-Kirche in Ludwigshafen ist eng mit der industriellen Transformation und dem damit verbundenen Bevölkerungswachstum an der Wende zum 20. Jahrhundert verknüpft. Während das Gebiet der späteren Pfarrei bis zum Jahr 1880 noch gänzlich unbesiedelt war, schuf die Fertigstellung der Rheinbrücke im Jahr 1882 die notwendige Infrastruktur für eine rasche Industrialisierung. In der Folge ließen sich namhafte Unternehmen wie Halberg, die Walzmühle sowie die Firmen Abbott und Raschig in dem Areal nieder, was die Kirchenverwaltungen von Mundenheim (St. Sebastian) und Ludwigshafen (St. Ludwig) bereits 1902 dazu veranlasste, über die Errichtung eines neuen Pfarrbezirks zwischen ihren Gemeinden zu beraten. Am 7. März 1902 wurde der formelle Beschluss gefasst, einen geeigneten Bauplatz zu sichern, doch erst am 10. November 1913 konnte das Gelände durch die Kirchenverwaltung von St. Ludwig tatsächlich erworben werden. Mit einem bescheidenen Startkapital von 100 Mark wurde am 3. Juli 1914 die „Kirchenstiftung Herz Jesu“ ins Leben gerufen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die darauffolgende Inflation verzögerten die Realisierung der Pläne jedoch um Jahre.

Wettbewerb und Baubeginn

Im Jahr 1925 wurde schließlich ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben, aus dem Albert Boßlet zusammen mit Karl Lochner als Sieger hervorging. Obwohl der Entwurf von Hans Herkommer den zweiten Platz belegte, setzte sich Bischof Ludwig Sebastian persönlich für die Pläne Boßlet ein. Da Boßlet jedoch oft in München weilte, übernahm Lochner die eigentliche Bauleitung vor Ort. Der erste Spatenstich fand am 1. Oktober 1926 statt, wobei die Firma Hoffmann Söhne die Betonkonstruktion und das Unternehmen Joh. Schollenberger das Backsteinmauerwerk ausführten. Ein bemerkenswertes Detail der Bauphase betrifft die Unterkirche. Um eine ausreichend hohe Decke für den geplanten Saal zu gewährleisten, besichtigten Pfarrer Husse und Architekt Lochner ein Referenzobjekt in Wiesbaden. Da der Pfarrer die ursprüngliche Planung als zu niedrig empfand, erhöhte er gemeinsam mit dem Architekten den Betonblock der Unterkirche kurzerhand um einen Meter, eine eigenmächtige Entscheidung, die vor dem bischöflichen Bauamt geheim gehalten wurde und im Ergebnis den gewünschten großzügigen Raumeindruck sicherte.

Grundsteinlegung und päpstlicher Besuch

Am 23. Januar 1927 vollzog Bischof Sebastian feierlich die Grundsteinlegung der als dreischiffige Basilika im expressionistischen Stil konzipierten Kirche. Ein besonderes Ereignis für die Baustelle war der Besuch des apostolischen Nuntius Eugenio Pacelli, des späteren Papstes Pius XII., im Herbst 1928. Während eines Zwischenstopps in Ludwigshafen wurde er auf den Neubau aufmerksam und ließ sich die Oberkirche sowie die bereits als Notkirche eingeweihte Unterkirche zeigen, wobei er den Segen erteilte.

Die Einweihung und das Gemeindeleben

Trotz eines extrem harten Winters 1929, in dem der Rhein vollständig zufror und die Bauarbeiten zeitweise zum Stillstand kamen, konnte Bischof Sebastian die Herz-Jesu-Kirche am 21. April 1929 konsekrieren. Der Bischof regte dabei sogleich den Bau der Türme an, was Pfarrer Husse jedoch aufgrund finanzieller Bedenken skeptisch sah.

In den Folgejahren entwickelte sich ein reges Gemeindeleben:

  • Kulturelle Entwicklung: 1929 wurde der gemischte Kirchenchor „Pfarr-Cäcilien-Verein“ unter der Leitung von Paul Lieb gegründet.
  • Soziales Engagement: Während der zunehmenden Arbeitslosigkeit um 1930 wurde in der Unterkirche ein Hilfsprojekt eingerichtet, bei dem Männer unter Anleitung von Ingenieuren Möbel und Weihnachtskrippen fertigten.
  • Seelsorge: Ab 1931 betreute die Pfarrei auch Gottesdienste in der Simultankapelle des Amtsgerichtsgefängnisses.
  • Ausstattung: 1932 wurde eine Orgel der Firma Klais aus Bonn eingeweiht, für deren Disposition sich der Organist Paul Lieb intensiv eingesetzt hatte.

Die Zeit des Nationalsozialismus

Die politische Zäsur des Jahres 1933 hinterließ deutliche Spuren in der Pfarrchronik. Pfarrer Husse äußerte nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler große Sorge um das Schicksal der Kirche im Vaterland. Trotz der schwierigen politischen Umstände wurde das Gotteshaus weiter ausgestattet, unter anderem mit einem Antonius-Altar im Jahr 1934. Ab 1935 zeigten sich jedoch die Auswirkungen der politischen Repressionen, etwa durch einen Rückgang der Teilnehmerzahlen an der Erstkommunion. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt das Gebäude in den Jahren 1943 und 1945 schwere Schäden, was eine umfangreiche Instandsetzung in der Nachkriegszeit erforderlich machte. Die Orgel, die zum Schutz nach Schifferstadt ausgelagert worden war, kehrte erst 1963 in modifizierter Form in die Herz-Jesu-Kirche zurück. Heute bildet die Pfarrei eine Gemeinschaft mit St. Ludwig und Hl. Geist.

Bonus:

Tags