Gewerbebank | 427
An der Ecke Albertusstraße und Kaiserstraße, direkt gegenüber dem Kaiserpark, steht ein Gebäude, das weit mehr ist als nur ein markanter Eckbau mit polygonalem Turm und steilem Satteldach. Wer vor der Fassade der heutigen Hausnummer 61 (ehemals 44a) steht, liest dort die Inschrift: „Nulla hora sine linea“ – Keine Stunde ohne eine Zeile. Ein passendes Motto für ein Haus, dessen Chronik so viele unterschiedliche Kapitel umfasst.
Von der Bank zum Bürgersitz
Die Geschichte des Hauses begann im Oktober 1901. Ursprünglich als repräsentativer Sitz für die Gladbacher Gewerbebank errichtet, spiegelte das Gebäude den Stolz des Mittelstands wider. Es war als kombiniertes Wohn- und Geschäftshaus konzipiert: Während im Erdgeschoss in großen Büroräumen und hinter dicken Tresortüren im Keller die Geschäfte geführt wurden, bewohnten der Bankdirektor und seine Angestellten die oberen Etagen. In den frühen 1930er Jahren nutzte zudem der Arzt Dr. Karl Heyer die Räumlichkeiten für seine Praxis.
Ein dunkles Kapitel und die Zerstörung
Mit der Liquidation der Gewerbebank änderte sich die Bestimmung des Hauses radikal. Ein dunkles Kapitel begann am 18. Juni 1938, als die Kreisleitung der NSDAP das Gebäude mit großem Inszenierungsaufwand bezog. Zu dieser Zeit war sogar die Straße selbst umbenannt worden (Ludendorffstraße). Diese Nutzung endete jedoch jäh durch die Gewalt des Zweiten Weltkriegs: 1944 wurde das Haus bei einem Bombenangriff schwer getroffen und brannte aus.
Wiederaufbau und städtisches Zentrum
Nach dem Krieg und der Rückbenennung der Straße in Albertusstraße nahm sich die Stadt Mönchengladbach des Gebäudes an. 1948 begann der Wiederaufbau, bei dem das Dachgeschoss erweitert wurde, um Platz für neue Aufgaben zu schaffen. In den folgenden Jahrzehnten herrschte hier reger Betrieb: Das Haus beherbergte das Trauzimmer des Standesamtes, das Liegenschaftsamt, das Kreiswehrersatzamt und später verschiedene kulturelle Einrichtungen. Sogar die Fernuniversität Hagen unterhielt hier ein Büro.
Ein Ort der Erinnerung und Moderne
Ein wichtiger Moment der Aufarbeitung fand am 27. Januar 1997 statt. Um die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, enthüllte der damalige Oberbürgermeister Feldhege eine Gedenktafel an der Fassade, die heute an alle Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Nachdem die Stadtbildstelle als letzte städtische Behörde vor etwa 15 Jahren auszog, stand das Haus kurzzeitig leer, bevor es den Weg zurück zu seinen Wurzeln fand. Heute befindet sich das architektonisch beeindruckende Objekt wieder in Privatbesitz und wird – ganz wie zu seiner Entstehungszeit – als modernes Büro- und Geschäftshaus genutzt. So schließt sich der Kreis eines Gebäudes, das als Bank begann und heute wieder ein fester Bestandteil des wirtschaftlichen Lebens in Mönchengladbach ist.