Die Nachkriegssynagoge | 146
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die jüdische Gemeinde vor einer wegweisenden Entscheidung: Anstatt das Angebot der Stadt anzunehmen, die zerstörte Hauptsynagoge in vereinfachter Form wieder aufzubauen, entschied man sich bewusst für einen Neubau auf einem Grundstück in der Oststadt.
Ein neues Zentrum in der Maximilianstraße

Die Realisierung des Projekts in der Maximilianstraße 6 war ein finanzieller Kraftakt, der durch den Verkauf des Hauses in R 7, 24 sowie durch Unterstützung der Stadt, des Oberrates und der Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) ermöglicht wurde.
- Die Einweihung: Am 19. Mai 1957, passend zum Feiertag Lag Baomer, wurde die Synagoge feierlich eröffnet.
- Ein emotionaler Moment: Noch im selben Jahr gab es das erste freudige Ereignis unter der Chuppa – Harry Perlstein und Doris Herzberg heirateten als erstes Paar in den neuen Räumlichkeiten.
Architektur und religiöse Tradition
Der Betsaal, den man durch einen Vorraum mit ritueller Waschgelegenheit betrat, war nach traditionellen Werten gestaltet.
- Raumaufteilung: Gemäß der Tradition waren die Bankreihen getrennt; die Frauen saßen links, die Männer rechts.
- Zentrum des Gebets: Im vorderen Drittel befand sich die hölzerne Bima (der Almemor), während der Toraschrein (Aron Hakodesch) in die Ostwand eingelassen war.
- Historisches Erbe: Über dem mit Goldstickerei verzierten Samtvorhang des Schreins thronten steinerne Gesetzestafeln. Diese hatten einen besonderen symbolischen Wert, da sie bereits die früheren Gebetsstätten in F 2, 13 und R 7, 24 geschmückt hatten.
In den Jahren 1964/65 wurde das Gemeindezentrum um einen Anbau mit einem großen Veranstaltungssaal erweitert. Der dazwischenliegende Hof bot Raum für die jährliche Errichtung der Sukka zum Laubhüttenfest.
Entwicklung der Gemeinde
Zwischen 1957 und 1987 erlebte die Gemeinde ein beachtliches Wachstum: Die Mitgliederzahl stieg von etwa 160 auf 385 Personen an. Die jüdische Gemeinde verstand sich als Einheitsgemeinde, in der unterschiedliche religiöse Strömungen unter einem Dach zusammenkamen, wobei man sich in der Ausrichtung an der traditionellen Überlieferung orientierte. Die Gemeinschaft setzte sich dabei sowohl aus alteingesessenen Familien als auch aus den sogenannten "Displaced Persons" (DPs) zusammen, die überwiegend aus Osteuropa stammten.
Die Rückkehr in die Innenstadt
Nach exakt 30 Jahren endete die Ära in der Oststadt. Im Jahr 1987 kehrte die Gemeinde wieder zurück in das Herz der Stadt. Den feierlichen Abschluss in der Maximilianstraße bildete der Gottesdienst am Sabbat des 11. und 12. Septembers 1987, geleitet von Rabbiner Dr. Grünewald.
Quellen
jewish-places.de
Keller, Volker: Jüdisches Leben in Mannheim, Mannheim 1995