Der Gesangverein Liederkranz | 140
Die Ursprünge des Mannheimer „Liederkranz“ reichen bis in das Jahr 1840 zurück, als ein Männerchor die rituellen Gebete und Zeremonien in der Hauptsynagoge musikalisch untermalte. Unter der Leitung des christlichen Organisten Eberhard Kuhn formierte sich dieser „Israelitische Singverein“, aus dem 1858 – vermutlich um religiöse Spannungen mit orthodoxen Gemeindemitgliedern zu vermeiden – der eigenständige Männergesangverein „Liederkranz“ hervorging. Während der Synagogenchor weiterhin bestehen blieb, widmete sich der Liederkranz fortan verstärkt weltlicher Musik.
Blütezeit und gesellschaftliche Verankerung

Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich der Verein zu einer festen Größe im städtischen Kulturleben. Der Schwerpunkt verschob sich immer weiter hin zum klassischen deutschen Liedgut, was zu einem stetigen Mitgliederzuwachs führte. Ein sichtbares Zeichen dieses Erfolgs war die Eröffnung eines repräsentativen Gesellschaftshauses im Quadrat E 5, 4 im Jahr 1880. Das Gebäude beherbergte neben Veranstaltungssälen auch ein Café und bot den Rahmen für hochkarätige Konzerte mit europaweit engagierten Solisten.
Neuausrichtung und die Rolle als Identitätsstifter
Nach dem Ersten Weltkrieg besann sich der Verein wieder stärker auf seine Wurzeln und integrierte vermehrt biblische Themen und jüdische Kompositionen in sein Repertoire. In dieser Zeit wurden bedeutende Werke aufgeführt, darunter:
- Der Hymnus „In Ewigkeit“ von Heinrich Schalit (1931).
- Arthur Honeggers sinfonischer Psalm „König David“ (1931).
- Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ (1932).
- Händels „Samson“, dessen Aufführung 1933 durch die nationalsozialistische Machtübernahme zunächst verzögert wurde.
Überleben im Schatten der Verfolgung
Mit der systematischen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung ab 1933 wandelte sich die Funktion des Liederkranzes radikal. Er wurde zu einem überlebenswichtigen Rückzugsort, an dem jüdische Künstler noch auftreten und ein jüdisches Publikum Kultur erleben konnte. Diese „Ersatzfunktion“ führte dazu, dass die Mitgliederzahl bis 1936 auf 800 Personen anstieg.
Trotz des Verlusts des ursprünglichen Gesellschaftshauses im Jahr 1936 gab der Verein nicht auf. In Q 2, 16 wurde ein neuer Kulturbetrieb mit 500 Plätzen eröffnet, wo weiterhin anspruchsvolle Werke von Händel, Mozart und Pergolesi zur Aufführung kamen.
Das gewaltsame Ende kam im November 1938: Bereits zwei Tage vor dem eigentlichen Pogrom wurde die Spielstätte von Schlägertrupps heimgesucht und schließlich am 10. November 1938 endgültig zerstört.
Quellen
Keller, Volker: Jüdisches Leben in Mannheim, Mannheim 1995