Das Israelitische Waisenhaus / Gemeindezentrum

Die Geschichte des jüdischen Lebens in Mannheim nach 1945 ist eng mit einem ganz besonderen Gebäude verbunden: dem ehemaligen jüdischen Waisenhaus im Quadrat R 7, 24. Nachdem Ende Juni 1945 etwa 50 Überlebende aus dem Konzentrationslager Theresienstadt in ihre Heimatstadt zurückgekehrt waren, standen sie vor der gewaltigen Aufgabe, in einer zu 80 Prozent zerstörten Stadt ein neues Gemeindeleben aufzubauen.
Vom Waisenhaus zum Rettungsanker

Das Gebäude in R 7 blickte bereits bei der Rückkehr der Überlebenden auf eine bewegte Geschichte zurück. Eröffnet im Jahr 1893, war es Schauplatz eines dunklen Kapitels der NS-Zeit: Im Oktober 1940 wurden die dort lebenden Waisenkinder sowie das Leitungsehepaar deportiert. Das Haus selbst wurde anschließend unter Zwang an die Stadt Mannheim veräußert. Da das Gebäude den Krieg jedoch fast unbeschadet überstanden hatte, wurde es der neu gegründeten Gemeinde nach Kriegsende wieder zur Verfügung gestellt.
Ein Ort des Gebets und der Zuflucht
Unter der Leitung des Gemeindevorsitzenden Max Keller begannen die Umbauarbeiten, die im März 1946 in einer feierlichen Einweihung gipfelten. Im Inneren war ein neuer Gebetsraum entstanden, der Platz für 200 Gläubige bot. Doch das Haus war weit mehr als nur eine Synagoge. In einer Zeit, in der Wohnraum und Lebensmittel extrem knapp waren, fungierte R 7 als wichtige Anlaufstelle für durchreisende Juden, insbesondere für die sogenannten „Displaced Persons“ aus Osteuropa.
Mit 20 bereitgestellten Betten und einer rudimentären Verpflegung bot die Gemeinde Schutz und Menschlichkeit. Max Keller berichtete damals stolz, dass man monatlich etwa 250 Übernachtungen verzeichnete und es eine „große Genugtuung“ sei, den oft mittellosen Menschen in dieser schweren Zeit dienen zu können.
Das Ende eines Provisoriums
Trotz der emotionalen Bedeutung blieb die Nutzung des Erdgeschosses als Betraum immer ein Provisorium. Der ständige Publikumsverkehr auf den Fluren und die räumliche Enge erschwerten einen würdigen Rahmen für die Gottesdienste auf Dauer. In der Folge entschied sich die Gemeinde, das ehemalige Waisenhaus erneut an die Stadt zu verkaufen.
Heute befindet sich das markante Gebäude in Privatbesitz. Wer jedoch heute an der Fassade in R 7 vorbeiläuft, wird durch eine Gedenktafel an die Vergangenheit dieses Hauses erinnert – als Ort der Trauer, aber vor allem als Symbol für den mühsamen und hoffnungsvollen Neubeginn jüdischen Lebens in Mannheim.
Quellen
Keller, Volker: Jüdisches Leben in Mannheim, Mannheim 1995