Das Haus zur Stadt Straßburg | 141
Vom „Haus zur Stadt Straßburg“ zum modernen israelitischen Krankenhaus

Hinter der heute eher sachlich-strengen Fassade des Mannheimer Rathauses verbirgt sich eine Geschichte von Nächstenliebe und sozialem Fortschritt, die über zwei Jahrhunderte zurückreicht. Im Zentrum dieser Entwicklung steht das Quadrat E 5, auf dem die jüdische Gemeinde im Jahr 1711 das „Haus zur Stadt Straßburg“ erwarb. Was als einfache Herberge für Durchreisende und Kranke begann, sollte sich zu einem hochgeschätzten medizinischen Zentrum entwickeln.
Anfänge und religiöser Alltag
In den frühen Jahren diente das Anwesen vor allem als Zufluchtsort für Bedürftige. Nach Grundstückserweiterungen im 18. Jahrhundert fanden hier nicht nur Kranke Platz, sondern auch wichtige Einrichtungen des jüdischen Alltags. So beherbergte das Areal ab 1722 eine Metzgerschranne – ein Verkaufsmagazin für Fleisch – sowie einen gemeinschaftlichen Schabbesofen.
Ein Haus für alle Lebenslagen
Im 19. Jahrhundert wandelte sich das Profil der Einrichtung deutlich. Um 1831 reagierte die Gemeinde auf den wachsenden Bedarf an sozialer Absicherung und baute das damals baufällige zweite Stockwerk aus. Aus der einstigen Herberge wurde ein kombiniertes Armenhaus, Altersheim und Krankenhaus. Ein umfassender Umbau in den Jahren 1843/44 verlieh dem Gebäude schließlich eine moderne medizinische Struktur: Neben Arztzimmern und Krankensälen entstanden Räumlichkeiten für die Pflegekräfte, eine Küche und ein Speisesaal. Der einstige Backofen im Hof wich einem Garten, der den Patienten als Ort der Ruhe diente.
Öffnung und Blütezeit
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts genoss das Hospital einen so guten Ruf, dass es sogar hohen Besuch von Großherzogin Luise von Baden erhielt. Längst war die Einrichtung nicht mehr ausschließlich jüdischen Patienten vorbehalten. Die hervorragende Verpflegung und die fortschrittlichen chirurgischen Leistungen zogen immer mehr Menschen anderer Konfessionen an. In den Jahren des Ersten Weltkriegs war fast jeder dritte Patient christlichen Glaubens. Die Patientenkapazität stieg von 124 Personen im Jahr 1910 auf beeindruckende 428 im Jahr 1929.
Das Ende einer Ära Das jähe Ende am historischen Standort kam 1936. Der Abriss des gesamten Quadrats E 5 zwang das Krankenhaus zum Umzug. Unter der Leitung der Oberin Pauline Maier wurde der Betrieb in einen Teil des jüdischen Altersheims am Neckar verlegt. An der ursprünglichen Stelle im Quadrat E 5 errichteten die Nationalsozialisten ein technisches Verwaltungsgebäude im Geist ihrer Architektur. Dieses Gebäude beherbergt heute das Rathaus der Stadt Mannheim und erinnert kaum noch an die karitative Geschichte seines Standorts.

Quellen
Felsenthal, Simon: Zur Geschichte des Israelitischen Kranken- und Pfründnerhauses E 5, 9 in Mannheim, in: Israelitisches Gemeindeblatt Mannheim 10, 11 und 12, 1925